Stürzen beim Clippen – wie weit geht’s abwärts?

Darstellung der Sturzhöhe eines Kletterers beim Clippen nahe Anseilpunkt und überstrecktem Clippen

Darstellung der Sturzhöhe eines Kletterers beim Clippen nahe Anseilpunkt und überstrecktem Clippen

Beim Klettern im Vorstieg kann man – im Gegensatz zum Toprope-Klettern – bei einem Sturz ganz schön weit fallen. Offensichtlich ist ein Sturz in dem Augenblick, in dem das Seil in das nächste Express-Set geclippt wird, bezüglich Sturzhöhe der „worst case“.

Daraus ergibt sich die Frage, ob ein möglichst frühes Einhängen des nächsten Express-Sets (überstrecktes Clippen) oder ein Clippen auf Hüfthöhe (nahe Anseilpunkt) vorteilhafter ist. Eine ingenieurmäßige Betrachtung.

Alle Kletterer kennen die Situation. Ist das nächste Express-Set erst einmal eingehängt, fühlt man sich mental besser. Clippt man die Exe überstreckt, kann der nächste Meter der Route quasi im Toprope geklettert werden. Dafür muss man aber einiges an Seil hochziehen und sich beim Clippen strecken. Stürzt man in genau diesem Augenblick, fällt man weiter, als wenn man erst später geclippt hätte, oder?

Die Alternative wäre so weit nach oben zu klettern, bis das nächste zu clippende Express-Set ganz nahe am Anseilpunkt ist, also fast auf Hüfthöhe. Jetzt muss man praktisch gar kein Seil mehr hochziehen, um zu clippen. Der Sturz müsste weniger weit sein, oder?

Erstaunlicherweise ist die Sturzhöhe in beiden geschilderten Szenarien gleich weit!

Einen wichtigen Unterschied gibt es doch. Der Sturz spielt sich abhängig vom Szenario auf unterschiedlichem Niveau über dem Boden ab.

Darstellung der Sturzhöhe eines Kletterers beim Clippen nahe Anseilpunkt und überstrecktem Clippen

Darstellung der Sturzhöhe eines Kletterers beim Clippen nahe Anseilpunkt und überstrecktem Clippen

Die Höhe eines Sturzes (l) setzt sich immer aus zwei Teilen zusammen. „Menge an Seil (s) zwischen letztem geclippten Express-Set und Kletterer“ und „Höhe des Kletterers (h) über dem letzten geclippten Express-Set“. Addiert man beide Teilstrecken, erhält man die Sturzhöhe.

Beim Szenario „überstrecktes Clippen“ ist die Menge an Seil zwar größer, dafür steht der Kletterer nicht so hoch über der letzten geclippen Exe. Umgekehrt ist beim „Clippen nahe Anseilpunkt“ die Menge an Seil zwar kleiner, dafür steht der Kletterer jedoch höher über der letzten eingehängten Exe. Die Summe aus beiden Teilstrecken ist gleich. In beiden Szenarien stürzt der Kletterer also gleich weit.

Da der Kletterer beim Clippen nahe Anseilpunkt jedoch weiter vom Boden entfernt steht, spielt sich dieser Sturz auf einem höheren Niveau ab. Beim Clippen nahe Anseilpunkt endet der Sturz genau um die Strecke (y) weiter vom Boden entfernt.

Das Clippen nahe Anseilpunkt reduziert – besonders bei den bodennahen Express-Sets – das Risiko eines Bodensturzes erheblich.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass diese Betrachtung Seildehnung, Schlappseil, Aufmerksamkeit des Sichernden, Dynamik beim Sichern usw. vernachlässigt.

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Über ralfisordinarylife

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2 Antworten zu Stürzen beim Clippen – wie weit geht’s abwärts?

  1. Sabine Beck schreibt:

    Lieber Ralf, das klingt alles logisch (wobei ich mir die Berechnung dazu geschenkt habe – das ist mir doch etwas zu ähhmmmm…mathematisch). Aber nichts desto trotz erwische ich mich immer wieder, wie ich schöööön das Seil hochziehe, dabei noch das Seil zwischen die Zähne klemme (sieht ja auch cool aus) und mich dann völlig unmöglich recke und strecke. Und meistens würde ich danach am liebsten sagen: „Mach zu und lass mich ab“, weil diese Aktionen jedes Mal einen lahmen Arm verursachen und super anstrengend sind. Danke für deinen Beitrag, ich hoffe ich behalte ihn lange im Gedächtnis!!! LG Sabine

    Gefällt 1 Person

    • ralfisordinarylife schreibt:

      Hi Sabine, ja das kenne ich. Für den Kopf ist es eben beruhigend, wenn die nächste Exe geclippt ist und das heißt oft „möglichst früh“. Deshalb muss man es sich immer wieder vorsagen: noch zwei Züge weiter, dann ist das Clippen einfacher und außerdem kraftsparender.
      Hinzu kommt, wenn ich gut stehe und eine sichere, entspannte Position habe, dann sollte ich beim Clippen ja gar nicht stürzen. Also kann ich auch mal über Kopf clippen. Ich weiß ja schließlich gar nicht, ob ich ein oder zwei Züge weiter oben überhaupt eine gute Position habe.
      Auf der anderen Seite muss ich zwei Züge weiter oben ja auch nicht unbedingt eine schlechte Position zum Clipppen haben und im Zweifel stürze ich eben besser (von höherem Niveau), wenn ich nahe dem Anseilpunkt clippen will. Das muss man halt trainieren.
      Liebe Grüße
      Ralf
      P.S.: Das mit der Mathematik glaub mir halt einfach ;-)))

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