Mein Freund Ludwig

Heute hat mein Sohn einen Brief von Ludwig erhalten. Darin teilt Ludwig Tiano mit, dass sie sich nicht mehr wiedersehen werden. Was hat es damit auf sich?

Ludwigs Brief an Tiano (bitte auf das Bild klicken, um den Brief zu lesen!)

Mein Krümel liebt Geschichten. Nicht so simple Vorlesegeschichten der Gebrüder Grimm. Nicht Rotkäppchen oder Rumpelstilzchen. Nein, richtig ausgeschmückte Fantasieerzählungen müssen es sein. Geschichten gibt’s zum Einschlafen, auf längeren Autofahrten, zwischendurch oder einfach so.

IMG_2590Vor ein paar Wochen musste es mal wieder eine besondere Fantasiegeschichte sein. Also habe ich den Luchs Ludwig ins Leben gerufen. Mit ungeahnten Folgen! Denn die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität scheint für einen Sechsjährigen nicht ganz einfach.

Seid Ludwig existiert, können wir nicht mehr zu meiner Mutter in die Eifel fahren, ohne unterwegs anzuhalten und den „Eifelwald“ zu durchforsten. Auf der Hin- und auf der Rückfahrt. Das ist auf Dauer ganz schön anstrengend und führt jede Zeitplanung ad absurdum. Deshalb musste Ludwig nun irgendwie verschwinden, d. h. umziehen.


Hier nun meine (Ludwigs) Geschichte:
(Der geneigte Leser möge sich vorstellen, dass ein Papa seinem Sohn ein Erlebnis aus der Ichperspektive erzählt)

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Quelle: pixabay.com

„Du weißt doch, dass ich am Samstag zu Oma in die Eifel gefahren bin. Es war ja noch ganz, ganz früh und da hatte ich mir unterwegs einen Kaffee gegönnt. Etwas später musste ich dann Pipi. Ich war schon in der Eifel, hinter dem kleinen Tunnel wo es um eine scharfe Kurve nach rechts geht. Weißt Du, welche Stelle ich meine. Da, wo der Eifelwald so dicht ist.

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Quelle: pixabay.com

Jedenfalls bin ich kurz in einen Feldweg abgebogen, habe angehalten, bin ausgestiegen und hab‘ am Waldrand Pipi gemacht. Wie ich so da stehe und es auf den Boden plätschert, da höre ich plötzlich eine Stimme. Ich schaue mich um, kann aber niemanden sehen. Es ist ja auch noch gar nicht richtig hell. Als ich schließlich vor mir auf den Boden schaue, da entdecke ich eine Schlange. Zuerst erschrecke ich mich, aber dann sagt die Schlange: „Du musst keine Angst haben, ich tue Dir nichts. Komm doch einfach mal mit.“ Eigentlich will ich ja zu Oma, aber irgendwie hat die Schlange meine Neugier geweckt. Also laufe ich hinter ihr her. Sie ist ganz schön schnell und ich habe große Mühe, ihr durch das dichte Unterholz zu folgen.

Du weißt doch, was Unterholz ist, oder? Das ist so dichtes Gestrüpp, das direkt über dem Boden wächst. Mit Dornen und so. Brombeerhecken zum Beispiel. Wir laufen also eine ganze Zeit lang immer weiter in den Wald hinein. Obwohl es inzwischen hell sein müsste, ist es hier im Eifelwald immer noch dunkel, so dicht ist der. Plötzlich stehen wir vor einer Grotte, aus der ein Lichtstrahl zu mir herüber scheint.

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Quelle: pixabay.com

Eine Grotte, das ist so was Ähnliches wie eine Höhle, nur nicht ganz so tief, dafür höher. In einer Höhle, da stößt man sich ja so schnell den Kopf, in einer Grotte nicht. Außerdem hat eine Grotte meist einen größeren Eingang.

Als ich mich so umschaue, da entdecke ich in der Mitte der Grotte ein großes Sofa. Richtig leuchtend rot. Das sieht ganz bequem aus, kuschelig. An der Seite steht eine Kommode mit einer Kerze oben drauf. Aha, daher kommt also das Licht.

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Quelle: pixabay.com

Was riecht denn hier so? Oh, da ist ja auch eine Küche. Mit einem Herd und einem Backofen. Ist da was drin? Ja, da ist ja ein Brot im Backofen. Das riecht also so gut. Hm, das sieht so aus, als wäre das Brot schon fertig gebacken. Wenn es noch lange im Ofen bleibt, dann wird es ja ganz schwarz. Soll ich es rausnehmen, frage ich mich. Ob der Bewohner der Grotte wohl böse mit mir ist, wenn ich sein Brot aus dem Ofen hole? Aber wenn ich es nicht raushole, dann verbrennt es.

Ludwig im TierparkPlötzlich schreckt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Du kannst das Brot ruhig rausholen, Ralf!“ Moment mal! Hat die Stimme gerade meinen Namen gesagt. Das ist ja unheimlich. Als ich mich umdrehe, steht ein Luchs vor mir und schaut mich mit seinen großen Augen, die unter den buschigen Augenbrauen leuchten, an. Er sieht ganz freundlich aus, deshalb erschrecke ich auch nicht.

Woher kennst Du meinen Namen, frage ich ganz vorsichtig. Komm, wir setzten uns auf das Sofa, dann erzähle ich dir alles, was Du wissen willst, sagt der Luchs ganz ruhig. Wir setzen uns also auf das rote Sofa. Es ist tatsächlich kuschelig. Erst jetzt fällt mir auf, dass es in der Grotte ganz warm ist. Ob das wohl am Backofen liegt? Der Luchs erzählt mir also: Du warst doch neulich in Wiesbaden im Tierpark, in der Fasanerie. Da habe ich Dich und Deinen Sohn gesehen. Ihr habt am Zaun gestanden und zugesehen, als wir gefüttert wurden. Ja stimmt, sage ich. Ich habe Euch, nachdem ich dann endlich auch was zu Essen ergattern konnte, belauscht. Es ist ja so, dass in dem Luchsgehege ganz viele Luchse wohnen. Alle anderen Luchse dort sind größer und stärker als ich. Wenn es dann ums Essen geht, wird es ganz schön wild. Alle wollen das beste Stück haben. Da wird geschubst, gedrängelt und natürlich gefaucht. So wie wir Luchse das eben tun. Weil ich der Kleinste von allen bin, bleibt für mich nicht immer was übrig und auch beim Spielen lassen mich die anderen nicht immer mitmachen. Das hat mich ganz schön traurig gemacht.

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Quelle: pixabay.com

Jedenfalls habe ich Euch also beim Erzählen belauscht. Dein Sohn ist ein guter Beobachter. Er hat gleich erkannt, dass die anderen Luchse mich nicht mitmachen lassen und gesagt, dass er das ganz schade findet und deswegen auch ein bisschen traurig ist. Er kann das gut verstehen, weil es ihm manchmal auch so geht, weil er ja diese Muskelschwäche hat. Die anderen Jungs im Kindergarten spielen so oft Fußball und er kann dann nicht mitmachen, weil er immer gleich umfällt, wenn es um den Ball geht. Schön habe ich auch gefunden, wie Du Deinen Sohn dann getröstet hast und seine ganzen Stärken aufgezählt hast. Da hat er dann gleich wieder gestrahlt. Als Dein Sohn dann erzählt hat, dass der kleine Luchs – also ich – bestimmt auch ganz vieles besser kann, als die anderen Luchse, da ging es mir schon wieder etwas besser. Ja, so war das also, damals im Tierpark in Wiesbaden.

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Quelle: pixabay.com

So wie Dein Sohn, bin ich nämlich auch ein guter Beoachter. Schon lange habe ich nämlich entdeckt, dass es ein kleines Loch im Zaun unseres Geheges gibt. Die anderen Luchse haben das gar nicht gesehen. Die sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und außerdem wären die auch zu groß, um durch das Loch zu schlüpfen. Eines Nachts habe ich dann allem Mut zusammengenommen und bin aus dem Tierpark abgehauen. Damit mich die Tierpfleger nicht mehr finden und einfangen, bin ich dann die ganze Nacht bis hierher in den dichten Eifelwald gelaufen. Dass der Wald hier so dicht ist, dass kaum ein Mensch hierher findet, weiß ich auch von Deinem Sohn. Über den Eifelwald hattet Ihr Euch ja auch unterhalten, damals im Tierpark.

So habe ich es mir also hier in dieser Grotte gemütlich gemacht. Außer der Schlange, mit der ich mich hier schon nach wenigen Tagen angefreundet habe, weiß niemand, dass ich jetzt hier wohne. Und Du musst mir auch versprechen, dass Du es niemandem, außer vielleicht Deinem Sohn sagst, dass Du mich hier getroffen hast. Ich habe nämlich große Angst, dass mich die Tierpfleger doch noch finden und wieder einfangen.

Das ist meine Geschichte. Ich heiße übrigens „Ludwig“.

Ludwig und ich haben dann noch eine Weile auf dem Sofa gesessen und uns ein wenig unterhalten. Dann bin ich wieder zurück zum Auto gelaufen und zu Oma gefahren. Die Schlange hat mich aus dem Wald zurück zum Auto gebracht. Der Weg war so weit, kurvig und so verschlungen, dass ich es alleine nicht geschafft hätte.


Diese Geschichte über den Luchs Ludwig hat Tiano so fasziniert, dass wir seit dem auf dem Weg zu meiner Mutter immer an dieser einen, besagten Stelle anhalten müssen. Wir steigen dann aus dem Auto und rufen nach der Schlange und nach Ludwig. Mein Sohn sucht den ganzen Wald nach einem möglichen Pfad ab, dem wir folgen könnten. Ich zeige ihm die Brombeerhecken mit den Dornen und erkläre, dass der Weg ohne die Schlange unmöglich zu finden sei. Er spekuliert dann, warum die Schlange heute nicht hier sei. Es könnte zu früh sein, oder zu spät. Vielleicht weil es heute regnet oder weil die Schlange ja auch krank sein könnte.

Ludwig war eine gute Idee, leider haben wir kein „normales Familienleben“ mehr, seit Ludwig in unser Leben getreten ist. Ich musste mir also etwas einfallen lassen, damit Ludwig wieder aus unserem Leben verschwindet. Deshalb hat Ludwig Tiano den Brief schreiben müssen.

Es lebe die Fantasie unserer Kinder!

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Über ralfisordinarylife

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3 Antworten zu Mein Freund Ludwig

  1. Trixili schreibt:

    Ach, was für eine tolle und zauberschöne Geschichte.
    Es freut mich so sehr, das Tiano sooo einen wunderbaren Papa hat. ❤
    Trixili

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  2. Trixili schreibt:

    Ja, das ist auf jeden Fall so!! Zeit, Vertrauen, Zuneigung, Freundschaft, Liebe…. all das ist für kein Geld der Welt zu kaufen!
    Trixili

    Man kann in Kinder nichts hineinprügeln, aber man kann vieles aus ihnen herausstreicheln.
    (Astrid Lindgren)

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