Neues (altes) Crashpad

Las Vegas, letzter Tag unseres dreiwöchigen Boulderurlaubs, zu viel Gepäck, das Crashpad wird nicht eingecheckt, mein Herz zerbricht!

einsames-pad-in-las-vegasKerstin hat mir das Pad zu meinem vierzigsten Geburtstag geschenkt. Es ist also schon ein paar Jahre alt und der Schaumstoff ist nicht mehr der beste. Die Dämpfung hat stark nachgelassen und auch sonst ist der Zahn der Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Dennoch habe ich es lieb gewonnen, schließlich haben wir viel zusammen erlebt. Als ich zum Beispiel am Schlusszug von „Cover me with flowers“ abgeschmiert bin, durfte ich eintauchen in die watteweichen Tiefen meines Pads und auf dem „A boy named Sue“-Block würde ich heute noch sitzen, wenn mir mein Pad nicht mit perfekter Dämpfung gut zugeredet hätte. Von den vielen ausgedehnten Mittagessen, gemütlichen Nickerchen und Abenden am Lagerfeuer ganz zu schweigen.

Nein, mein Herz zerbricht nicht. Ich habe einen Plan B.

Ein zweites Leben
alte-fu%cc%88llung
Nimmt man den Schaumstoff aus der Hülle, lässt sich diese zusammenfalten und passt ins Handgepäck. Zu Hause gibt’s dann eine neue Füllung, so schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich behalte nicht nur mein geliebtes Pad, es wird sogar besser als vorher.

Auf dem Rückflug kommen mir gleich noch ein paar Ideen, wie man das Pad zusätzlich tunen könnte, wenn man schon mal dran ist.

Ab in die Waschmaschine
Zuerst wasche ich die Hülle. Die Metallösen lassen sich leicht abmontieren und die Waschmaschine erledigt ddie-alte-hu%cc%88lleen Rest. Das Ergebnis ist erstaunlich. Nie hätte ich erwartet, dass die Farben wieder so toll zum Vorschein kommen und die vielen Flecken, ob nun Harz aus Fontainebleau, Tomatensoße aus Albarracin oder Staub aus Bishop, alles weg, Miele sei dank.

 

Ein Motiv muss her
Ein Motiv nach der Vorlage von ORGANIC CLIMBING wäre super, das Auge bouldert schließlich mit und so schwer wird es schon nicht sein, ein bisschen Stoff aufzunähen. fertigDenkt man dann über Designs nach und lässt der Fantasie freien Lauf, kommt man schnell ins Schwärmen: Gipfel müssen unbedingt aufs Bild, schließlich liegen die Blöcke ja oft in den Bergen. Die Sonne gehört zu einem guten Bouldertag, aber auch Wolken, damit es nicht zu warm und die Reibung schlecht wird. Wie wär’s mit Schnee auf den Gipfeln?

Welcher Schaumstoff steckt in einer Bouldermatte?
Das ist die zentrale Frage. Was nutzt ein tolles Motiv auf dem Pad, wenn die Dämpfung nicht stimmt. drei-lagen-schaumstoff-2Googelt man nach Schaumstoff, Schaumstoffzuschnitt o. ä. landet man über 4 Mio. Treffer. Genauso groß ist die Auswahl an Sorten. Es gibt offen-, geschlossen- und gemischtzelligen Schaum. Schaum aus Polyethylen, Polyurethan (PUR) und weiteren Materialien mit unterschiedlichen Eigenschaften wie Raumgewicht und Stauchhärte. Auch einschlägige Kletterforen liefern keine brauchbaren Angaben und auf den Seiten der Crashpadhersteller findet man sowieso keine Informationen. Das Innenleben von Bouldermatten ist offensichtlich ein sehr gut gehütetes Geheimnis.

Nach Wochen des Forschens, Hunderten von Emails, vielen Telefonaten und ein paar Briefen und Päcken hatte ich dann alle Informationen zusammen.

Besonders hilfreich bei meinen Recherchen war die Firma Diethard Balzer e.K. Selten habe ich eine zuvorkommendere, kompetentere Mitarbeiterin erlebt, die mir geduldig alle Zusammenhänge erklärt und Fragen beantwortet hat. Vielen Dank Frau Mallunat, Sie sind unbezahlbar!

pa%cc%88ckchen-mit-schaumstoffmusternIn weiser Voraussicht hatte ich in Las Vegas ein paar Ecken der 3 Lagen Schaumstoff abgeschnitten, ehe ich diesen entsorgte. Diese Muster sandte ich mit der Bitte um Materialanalyse an Firma Balzer und so kann ich stolz das Geheimnis lüften:

Mein Crashpad besteht aus drei Lagen Schaumstoff:

  • oben 3 cm dicker Polyethylen-Schaum, PE 33 unvernetzt
  • in der Mitte 5 cm dicker Polyurethan-Schaum, PUR 35/50
    mit einem Raumgewicht von 35 kg/m3 und einer Stauchhärte von 50 g/cm2
  • unten 1 cm dicker Polyethylen-Schaum, PE 33 unvernetzt

Da die Fa. Balzer PE-Schaum nicht in ihrem Sortiment führt, habe ich diesen bei der Nanoform Airbag Sports GmbH bestellt. Mein Ansprechpartner Herrn Nolte möchte ich ebenfalls als extrem hilfsbereit erwähnen.

Wozu ein Brotmesser?
Schaumstoff kann man sich gleich fertig zugeschnitten online bestellen. Dabei sind fast alle Formen möglich. schaumstoffkanten-schneidenDas kostet aber zusätzlich, deshalb habe ich das Zuschneiden selbst übernommen. Das geht erstaunlich leicht mit einem einfachen Brotmesser. Im Nachhinein war das eine gute Entscheidung.

Nach dem Ausmessen der beiden Hälften des Crashpads habe ich den Schaumstoff sehr exakt auf die gemessenen Maße zugeschnitten. Leider war es unmöglich, die drei so exakt geschnittenen Lagen in die Hülle zu stecken. Eine Lage passte noch rein, da aber die Schaumstoffe nicht aufeinander rutschen, war es nicht möglich, auch nur die zweite Lage dazuzuschieben und alle drei Lagen passten erst gar nicht durch die Öffnung. Jedes Mal habe ich dann jede Schicht nur ein klein wenig schmäler geschnitten, da ich auf keinen Fall zu viel Abschneiden wollte. Bis die komplette Füllung endlich in die Hülle gepasst hat, ist bestimmt ein ganzer Tag vergangen. Dafür sitzt der Schaumstoff jetzt perfekt.

Ein wasserdichtes Pad?
wasserdichtes-padDamit sich die Schaumstoffe bei Regen nicht mit Wasser vollsaugen, habe ich diese noch in einen großen Plastiksack gesteckt und mit Paketband zugeklebt. Das schützt zusätzlich und macht das Pad sozusagen wasserdicht; jedenfalls das Innenleben.

Was kostet Schaumstoff?
Zunächst einmal möchte ich ausdrücklich erwähnen, dass ich den Schaumstoff lieber in Frankfurt gekauft hätte, als im Internet zu bestellen. Leider waren alle lokalen Lieferanten nicht gerade hilfsbereit, als es darum ging herauszufinden, welche Schaumstoffe es denn sein müssen. Als ich dann noch offenbarte, dass es sich um die enorme Menge von weniger als 2 m² handelt, hätte man mich am liebsten gleich aus dem Laden geschmissen. Also wenn schon online bestellen, dann natürlich da, wo man gut beraten wurde und nicht, wo es noch ein paar Euro billiger geht.

  • PUR 35/50 für € 48,30 bei Balzer
  • PE 33 unvernetzt für € 51,10 bei Nanoform

Qualität und Nachhaltigkeit
Weniger als 100 Euro für ein neues Innenleben! Das ist viel günstiger als ein neues Pad, jedenfalls, wenn man eine Matte von guter Qualität haben will. Außerdem leistet es einen großen Beitrag zu umweltbewusstem Handeln.

drei-lagen-neuer-schaumstoffNoch ein Wort zur Qualität. Die drei Lagen aus unterschiedlichem Material machen Sinn. Die dickere PE-Schicht oben ist härter als der PUR in der Mitte und sorgt dafür, dass man einerseits nicht umknickt, wenn man aufprallt und andererseits die Energie gleichmäßiger auf die weichere Schicht in der Mitte verteilt wird, die für die eigentliche Dämpfung sorgt. Die PE-Schicht unten gewährleistet, dass die Unterseite nicht beschädigt wird, falls der Untergrund einmal steinig oder uneben sein sollte.

Schaut man sich mit diesem Wissen die Produkte manch großer Outdoor-Konzerne an, fällt auf, dass diese aus nur einer Schicht dickem, härterem PUR bestehen. Das funktioniert zwar zu Anfang ganz gut, da der PUR jedoch mit jedem Aufprall direkt punktuell belastet wird, verliert er sehr schnell seine Dämpfungseigenschaften. Nach ein oder zwei Jahren ist das Pad nicht mehr zu gebrauchen.

Pflicht und Kür
design-am-computer
Neues Innenleben war die Pflicht, das neue Design die Kür.

Zuerst habe ich meine Designvorstellungen zu Papier – oder besser gesagt – auf den PC gebracht. Kennt man sich mit Zeichenprogrammen ein wenig aus, geht das schnell und die Vorstellungen nehmen Gestalt an. Außerdem kann man so die Mengen an Stoff der einzelnen Farben leicht berechnen.

Welches Material?
Cordura eignet sich bestens für die Oberseite einer Bouldermatte. die-berge-entstehenEs ist extrem abrieb- und reißfest und lässt sich dabei gut verarbeiten. Leider gibt es Cordura nicht in weißer Farbe. Deshalb bin ich hier auf Ballistic Nylon ausgewichen. Dieses Zeug hat Nerven gekostet. Es lässt sich nur sehr schwer schneiden, verzieht sich und franselt aus. Beim Nähen windet es sich, eine gerade Naht ist fast nicht möglich. Aber Schnee ist nunmal weiß, deshalb musste ich da durch.

Stoff zuschneiden
Das Cordura konnte ich mit einem Filzstift anzeichnen und dann entlang einer geraden Holzleiste mit einem normalen Teppichmesser auf einer Spanplatte zuschneiden. Für die Kreise, also Wolken und Sonne, dienten verschieden große Kochtöpfe als Schablone zum Anzeichnen (bitte nicht meiner Frau verraten). Geschnitten habe ich dann mit einer großen Schere.

Das Ballistic Nylon konnte ich leidlich mit der Schere schneiden. Gerade Schnitte waren kaum möglich. Na ja, Gletscher haben ja schließlich Spalten ;-))

Die beste Nähmaschine der Welt
Mein Opa war Schuhmacher und hat sein Werkzeug meinem Vater vermacht, der ebenfalls das Schuhmacherhanddie-beste-na%cc%88hmaschine-der-weltwerk gelernt hat. Heute steht die beste Nähmaschine der Welt – sie ist sicher über hundert Jahre alt und gebaut für die Ewigkeit– in meiner Garage. Sie näht jeden Stoff, sogar dickes Leder und braucht dabei nicht einmal Strom. Nur ab und zu einen Tropfen Öl und ein paar gute Worte.

Nachdem ich endlich den widerspenstigen Schnee (Ballistic Nylon) auf den Bergen angenäht hatte, ging die Arbeit etwas leichter. Die einzelnen Sonnenstrahlen ließen sich gut auf die Hülle des Crashpads nähen. Allerdings hatte ich unterschätzt, wie viele Meter die Maschine zurücklegen muss. Dass die Strahlen über beide Padhälften gehen (unterschiedliche Kammern) hatte ich nicht bedacht. Dann die Berge, die Sonne und die Wolke. stu%cc%88ck-fu%cc%88r-stu%cc%88ck-entsteheEinige Samstage später konnte man erkennen, wie es mal aussehen würde. Da die Ecken der Hülle bereits durchgescheuert waren und teilweise richtige Löcher aufwiesen, habe ich den neuen Stoff an allen Seiten „um die Ecken“ fließen lassen und so gleich die Löcher abdecken können. Die zwei halb abgerissenen Schnallen wurden natürlich auch wieder angenäht.

Um mein neues Crashpad endgültig zu individualisierten, das-logo-darf-nicht-fehlenhabe ich dann noch den Schriftzug meines Blogs nähen lassen. O. k., so was kann meine Nähmaschine nicht, deshalb habe ich das bei SchnickelundSchnackel bestellt. Kann ich ebenfalls wärmstens empfehlen. Schließlich mussten noch alle Fäden vernäht werden, was noch mal ordentlich Handarbeit ist und bei dem festen Stoff, inzwischen teilweise vierlagig (Schnee über Berg über Sonnenstrahl über Padhülle), ein paar Abende auf der Couch bedeutete.

Tja, da war es plötzlich fertig. Mein altes, neues Crashpad!

Inspiriert von ORGANIC CLIMBING
Natürlich bin ich von Organic Climbing inspiriert. fertigJosh Helke und sein kleines Unternehmen leisten Erstaunliches. Seine Crashpads sind unübertroffen in Qualität und Langlebigkeit, er legt großen Wert auf Nachhaltigkeit und darauf, dass es seinen Mitarbeitern gut geht. Seine tollen Designs sind nicht Selbstzweck, sondern kommen ursprünglich daher, dass er Abfall vermeiden und jeden Fetzen Stoff verarbeiten wollte. Respekt! Außerdem ist er ein ganz netter Kerl.

erster-testDeshalb möchte hier ausdrücklich betonen, dass ich überhaupt keine Ambitionen hege in das Geschäft mit Crashpads einzusteigen. Im Gegenteil. Mein nächstes Crashpad werde ich ganz sicher bei Josh kaufen. Jetzt kann ich einschätzen, was er und seine Leute leisten und dass seine Pads viel mehr Wert sind als sie kosten!

 

Josh, your Pads are the best!

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Über ralfisordinarylife

Husband, Father, Employee, Boulderer ... trying to meet all expectations
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4 Antworten zu Neues (altes) Crashpad

  1. Trixili schreibt:

    Was für ein interessanter Bericht, lieber Herr Reines. Ich hab soo viel gelernt.
    Über Schaumstoff und über Chrashpads.
    Echt Klasse.
    Ich wünsche Ihnen noch sehr viele weiche Landungen, sowie ganz wunderbare und unvergessliche Abende am Lagerfeuer auf diesem tollen Teil. 🙂
    Lg
    BeLe

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    • ralfisordinarylife schreibt:

      Liebe Trixili,
      die Welt der Schaumstoffe ist tatsächlich ein Wissenschaft für sich. Bouldern hingegen ist keine Wissenschaft, vielmehr eine Philosophie. Oder ist Philosophie auch eine Wissenschaft, dann würde das ja auch auf das Bouldern zutreffen.

      Gerne teile ich das Crashpad am Lagerfeuer. Wie wär’s mal mit probesitzen?

      Liebe Grüße

      Ralfi

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  2. Michael Andre Vogt schreibt:

    Hi, ich hatte auch die Idee selber ein paar Crashpads für mich und meine Freunde zu bauen. Dein Blogartikel ist da ziemlich hilfreich, da anscheinend sonst niemand auf die Idee kommt selber eines nach Eigenmaß zu „zimmern“. Trotzdem hab ich mal eine ganz blöde Frage bezüglich des PE33 Schaumstoffes: Wird dieser noch unter einem anderen Namen verkauft? ich kann nämlich mit dieser Bezeichnung nichts anfangen, da alle Hersteller bzw. Vertriebler (auch Nanoform) andere Bezeichnungen verwenden. Wäre cool wenn du da einem Boulderkollegen aushelfen könntest 🙂

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  3. ralfisordinarylife schreibt:

    Lieber Michael,
    Du hast eine Email von mir erhalten. Da habe ich versucht einen Lösungsweg aufzuzeigen.
    Liebe Grüße

    Ralfi

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